LinkedIn ist heute weit mehr als ein digitales Portal zur Jobsuche. Die Plattform hat sich vom einfachen Lebenslauf-Archiv zur Bühne für berufliche Erfolge, persönliche Erfahrungen und strategischen Beziehungen zwischen Unternehmen entwickelt. Millionen von Mitgliedern weltweit nutzen die App, um Kontakte zu knüpfen, Beiträge oder Artikel zu teilen, Diskussionen zu führen und sich mit ihrer Community zu vernetzen. Im Fokus steht dabei, die Berufserfahrung sichtbar zu machen. Doch gerade die Generation Z blickt zunehmend kritisch auf das Netzwerk – und das aus gutem Grund.
Vom Lebenslauf zur Lifestyle-Plattform
LinkedIn war ursprünglich als Business-Netzwerk konzipiert, in dem Menschen ihre berufliche Laufbahn dokumentieren und neue Kontakte knüpfen konnten. Heute ist es ein Ort für Unternehmen, um ihre Arbeitgebermarke zu präsentieren, Tools zur Bewerbung anzubieten und Jobangebote zu veröffentlichen. Die Möglichkeit für Nutzer:innen, Gruppen zu folgen und sich über aktuelle Entwicklungen auszutauschen, macht LinkedIn zu einem mächtigen Werkzeug.
Doch mit der Vielzahl an Optionen und der ständigen Sichtbarkeit entsteht auch Druck. Die Plattform belohnt jene, die sich selbstbewusst präsentieren – mit klaren Karrierezielen, als Teil einer dynamischen Branche und einem Hauch von „Hustle Culture“. Wer gerade keine Erfolge vorzuweisen hat, bleibt oft unsichtbar.
Genau hier beginnt die Ambivalenz.
Toxische Positivität: Wenn Erfolg zur Pflicht wird
Die ständige Flut an Erfolgsmeldungen erzeugt ein Klima der toxischen Positivität. Postings über Beförderungen, internationale Projekte oder die perfekte Work-Life-Balance dominieren den Feed. In dieser Welt der Selbstinszenierung ist für Rückschläge kaum Platz zu finden.
Doch was genau passiert mit denen, die gerade keine glänzenden Ergebnisse vorweisen können? Die Realität vieler Menschen – Misserfolge, Pausen oder berufliche Umwege? Die Profile und Rückschläge bleiben einfach im Dunkeln.
Das Resultat: Ein verzerrtes Bild von Karriere und Arbeitsleben
LinkedIn wird zunehmend für vielen zum Ort der Vergleichbarkeit – nicht, wie ursprünglich gedacht, der Inspiration. Das Netzwerk vermittelt, dass beruflicher Erfolg nicht nur erreichbar, sondern auch permanent sichtbar sein muss. Die Möglichkeit, Inhalte zu löschen oder Werbung gezielt zu steuern, bietet zwar etwas Kontrolle – doch die Grunddynamik bleibt bestehen. Genau diese ständige Konfrontation mit perfekten Beiträgen kann gerade eben für junge Personen belastend sein – und das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit des eigentlichen „Buisness-Netzwerkes“ schwächen.
Generation Z: Zwischen Ablehnung und Neudefinition
Die Gen Z ist mit sozialen Medien aufgewachsen und erkennt schnell, wenn Inhalte inszeniert sind. Sie hinterfragen und kritisieren die Sprache, die oft von Anerkennung, Effizienz und Selbstoptimierung getränkt ist. Viele junge Nutzer:innen empfinden LinkedIn als oberflächlich und sogar toxisch, weil es unrealistische Erwartungen an berufliche Erfahrungen und Selbstdarstellung fördert.
Doch die Gen Z ist nicht nur kritisch – sie ist auch kreativ. Anstatt sich abzuwenden, nutzten immer mehr Menschen LinkedIn, um neue Narrative zu etablieren. Sie posten ehrlich über Absagen neuer Jobs, berichten von mentaler Belastung oder hinterfragen die klassische Karriereleiter. Außerdem stellen sie die Verwendung von LinkedIn als reines Business-Netzwerk in Frage und fordern mehr Raum für echte Vielfalt und Transparenz. Besonders sichtbar wurde das in Zeiten der Pandemie, in denen viele berufliche Wege neu gedacht werden mussten. Genau diese Postings stoßen auf Resonanz – und zeigen, dass es auch anders geht.
Was Unternehmen und Arbeitgeber jetzt verstehen müssen
Für Unternehmen ist diese Entwicklung ein zentraler Zugang zu jungen Talenten – doch dieser funktioniert nur, wenn die Kommunikation glaubwürdig ist. Authentizität wird zum entscheidenden Faktor im digitalen Recruiting. Wer die Generation Z erreichen will, muss mehr bieten als Werbung und Hochglanzbilder. Es braucht echte Einblicke in den Sitz und die Kultur des Unternehmens, den aktuellen Stand der Dinge, ehrliche Informationen und die Bereitschaft, auch über Herausforderungen zu sprechen.
Impulse für eine glaubwürdige LinkedIn-Präsenz
- Zeigt echte Menschen statt nur KI-Hochglanzbilder.
- Teilt echte Inhalte und Lernprozesse und nicht nur Errungenschaften.
- Ermutigt zur Interaktion statt zur bloßen Bewunderung.
- Verzichtet auf reine Werbesprache und öffnet den Raum für Dialoge und Kritik
- Nutzt Storytelling, um Werte und Kultur zu vermitteln.
- Stellt die Verbindung zur Realität her – mit ehrlichen Informationen und transparenten Optionen.
Fazit: Weniger Fassade, mehr Realität
LinkedIn braucht mehr Ehrlichkeit
LinkedIn bleibt ein mächtiges Tool, besonders zur Vernetzung – aber es muss sich weiterentwickeln, wenn es relevant bleiben will. Die Generation Z fordert mehr Tiefe, mehr Ehrlichkeit und weniger Fassade. Wer das versteht, kann nicht nur Talente gewinnen, sondern auch Vertrauen aufbauen. Denn am Ende zählt nicht, wie perfekt ein Profil aussieht, sondern wie glaubwürdig die Menschen dahinter sind. Das ist die Zukunft eines Business-Netzwerks, das nicht nur glänzt, sondern trägt.
Ob Premium-Mitgliedschaft, Gruppenfunktionen oder Programme zur Bewerbung – LinkedIn bietet viele Vorteile. Doch seine Kraft entfaltet sich erst dann wirklich, wenn es nicht nur als Bühne, sondern als echter Ort für Beziehungen, ehrliche Inhalte und nachhaltige Karrierewege genutzt wird. LinkedIn ist, was wir daraus machen – ein Netzwerk für alle, nicht nur für die Erfolgreichen.
In Deutschland wie weltweit gilt also: Weniger Inszenierung, mehr Verbindung.